Mit den Augen des Künstlers - nur Seligkeit ist wahres Leben

Frage an Osho: Klassische Musik hat mich noch nie angetörnt und Kunstgalerien langweilen mich zu Tode. Ist es also möglich, direkt vom Kopf, der untersten Schicht aus zur dritten Schicht, meiner Mitte zu gelangen und sozusagen all diesen ästhetischen Müll zu umgehen?
Nirgun, ja, es stimmt: Es gibt im Namen von Ästhetik sehr viel Müll. Aber wenn ich von Ästhetik spreche, meine ich damit nicht den in den Museen und Kunstgalerien angesammelten Müll. Wenn ich von Ästhetik spreche, meine ich damit eine Eigenschaft in dir.

Die hat nichts mit Objekten zu tun, Gemälden, Musik, Lyrik, sondern hat etwas mit einer Eigenschaft deines Daseins zu tun, mit deiner Empfindsamkeit, deiner Liebe zur Schönheit, deinem Gespür dafür, wie alles sich anfühlt oder schmeckt, für den ewigen Tanz, der ringsum im Gange ist … sich den bewusst zu machen, still zu werden, um den Lockruf dieses Vogels aus der Ferne zu hören.

Das ist kein Müll, das ist das innerste Herz der Existenz. Doch ich kann verstehen, wieso dir die so genannte klassische Musik und die Kunstsammlungen der Museen und Galerien zum Halse raus hängen. Und du wirst dich zumindest fragen, wieso die Leute so viel Wind um all diesen Unsinn machen.

Die Ästhetik ist nur eine künstlerische Haltung zum Leben, eine poetische Vision. Sich so für Farben zu sensibilisieren, dass jeder Baum zu einem Gemälde wird, dass jede Wolke die Präsenz Gottes weckt, dass Farben noch farbiger werden, dass du das Strahlen der Dinge nicht übersiehst, dass du hellwach und liebevoll bleibst und alles empfänglich, offen willkommen heißt. Das meine ich mit der ästhetischen Haltung, der ästhetischen Einstellung.

Musik muss in deinem Herzen sein, dein innerstes Sein muss musikalisch sein, muss eine Harmonie bilden. Der Mensch kann entweder als ein Chaos oder als ein Kosmos existieren. Musik führt euch aus dem Chaos zum Kosmos. Der Mensch kann als eine Unordnung, ein Missklang, als Lärm, als Marktgeschrei existieren oder er kann als ein Tempel existieren, eine geheiligte Stille, wo eine himmlische Musik von selbst erklingt, eine ungespielte Musik von selber zu hören ist.

Im Zen spricht man vom „Klatschen der einen Hand“. Die indischen Mystiker sprechen seit undenklichen Zeiten von einem anahat nad, „unerzeugten Ton“ (1), der im innersten Sein erklingt. Um ihm zu lauschen, braucht man nirgendwohin zu gehen. Er ist die uranfänglichste Musik und zugleich die jüngste. Er ist sowohl die älteste als auch die neueste. Und obendrein die Musik deines eigenen Seins, das Summen deiner eigenen Existenz. Wer sie nicht hören kann, der ist taub. Und an der führt kein Weg vorbei.
(1) Die wichtigste spirituelle Übung im Sant Mat (Yogapfad) ist die Meditation auf das innere Licht und den inneren Ton. Durch Meditation kann eine Verbindung mit Gott hergestellt, ein inneres Licht geschaut und ein innerer Ton gehört werden, der unmittelbar mit Gott in Verbindung steht und darum Quelle allen Glückes ist.
Das Wahrnehmen des inneren Licht- und Tonstromes gilt darum als wichtigstes Ziel im Leben, dem man sich so früh und so oft wie irgend möglich widmen sollte. Man hört den Ton gewissermaßen als ein Pfeifen im Innenohr, welches aber nicht mit dem Tinnitus zu verwechseln ist.
Museen kannst du umgehen, Kunstgalerien kannst du umgehen, ja, solltest du sogar umgehen. Du brauchst dich nicht um Kunst und Kunstkritik zu kümmern, schlag dir das aus dem Kopf. Aber du musst zu einer Künstlerin des Lebens selber werden.

Ich nenne Buddha einen Poeten, obwohl er kein einziges Gedicht geschrieben hat. Trotzdem bleibe ich dabei: Für mich ist er einer der größten Dichter, die je gelebt haben. Er war zwar kein Shakespeare, kein Milton, kein Kalidas oder Rabindranath, nein, keineswegs. Dennoch sage ich: Shakespeare, Milton, Kalidas, Rabindranath sind nichts im Vergleich zu seiner Dichtung. Sein Leben war seine Dichtung, seine Art zu gehen, seine Art, alles anzusehen…

Erst gestern Abend stieß ich auf eine der schönsten Äußerungen der heiligen Teresa von Avila. Sie sagt: „Du brauchst nichts weiter als hinzusehen!“ Mit dieser einfachen Aussage fasst sie ihre ganze Botschaft zusammen: Du brauchst nichts weiter als hinzusehen. Sei fähig hinzusehen, und du wirst Gott finden. Sei fähig hinzuhören, und du wirst seine Musik finden. Sei fähig zu berühren, und jede Struktur wird seine Struktur. Betaste den Stein und du findest Gott.

Es geht also nicht um Kunstobjekte; es geht um eine innere Einstellung, eine Vision, darum, alles mit den Augen des Künstlers zu sehen. Und, Nirgun, das kannst auch du! Genau genommen findest du nur deswegen klassische Musik und Galerien langweilig, weil du auf eine unbewusste Art und Weise im Dunkeln tappend spürst, dass etwas weit Höheres in dir steckt. Nur hast du dir das noch nicht völlig klar gemacht.

Lass die Kunstgalerien links liegen und du versäumst nichts. Aber an der ästhetischen Schicht deiner selbst führt kein Weg vorbei: Da musst du durch! Andernfalls wirst du immer verarmt bleiben, wird dir immer etwas fehlen, etwas von ungeheurem Wert. Deine Erleuchtung wird nie restlos sein. Ein Teil von dir wird unerleuchtet bleiben; ein Winkel deiner Seele wird dunkel bleiben, und dieser Winkel wird immerzu schwer auf dir lasten.

Man muss vollends erleuchtet werden. Man darf nichts auslassen, sich keine Abkürzungen ausdenken. Man muss ganz natürlich alle Schichten durchleben, denn jede Schicht bietet dir eine Chance zu wachsen. Vergiss nie: Wann immer ich Wörter wie Musik oder Poesie oder Malerei oder Bildhauerei gebrauche, denk ich mir mein eigenes Teil dabei.

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