Wenn du dich selbst erkennst, erkennst du alles

Der Kopf dreht immer durch, das ist so seine Art. Der Verstand ist im Fluß, er verändert sich ständig. Keine zwei Momente lang ist er der gleiche, jeden Moment ist er anders. In dem einem Moment kommt es dir so vor, als hättest du deine Frau dein ganzes Leben lang noch sie gesehen, als wärest du ihr nie begegnet, obwohl ihr schon seit zwanzig Jahren zusammen lebt, so fremd ist sie dir. Im nächsten Moment bist du mitten in den Flitterwochen. Du siehst ihre Schönheit, ihre Anmut, ihre Freude, ihren inneren Kern. Und dann ist es vorbei. Bühnenwechsel.

Wie solltest du dieses andere Wesen, deine Frau, kennen, die so weit weg von dir ist? Du kannst nicht in ihre Träume eindringen. Du kannst nicht in ihre Gedanken eindringen. Wie kannst du da ihr Wesen kennen? Du kennst ihre heimlichen Wünsche und Sehnsüchte nicht, weil sie sie dir nicht mitteilt. Nicht einmal ihre Träume kennst du. Du kannst mit einer Frau zwanzig Jahre im selben Bett schlafen, aber sie träumt ihre Träume und du deine. Zwischen dir und ihr liegen Welten.

Wenn man den Frauen erlauben würde ihre Männer nach ihren Wünschen zu verändern, würdet ihr keinen einzigen Mann mehr wiedererkennen; die alten gäbe es nicht mehr. Wenn die Männer ihre Frauen verändern dürften, gäbe es keine einzige Frau, die so bliebe, wie sie einmal war. Und glaubst du, daß dich das glüchlich machen würde? Ganz und gar nicht, denn die Frau, die du nach deinen Ideen gestaltet hast, würde dir nicht gefallen, denn sie hat nichts Geheimnisvolles mehr.

Schaut euch die Absurditäten eures Verstandes an, seine Wünsche, seine kindischen Forderungen. Wenn du die Möglichkeit hättest, deinen Mann total zu verändern, würdest du ihn dann lieben? Er wäre für dich nichts weiter als irgendein Ding, das du selber erschaffen hast. Er hätte keine Seele, kein Geheimnis mehr, es gäbe nichts mehr an ihm zu entdecken. Du würdest das Interesse an ihm verlieren.. Er würde dich langweilen. Was könnte an ihm noch interessant sein?

Interesse kommt nur auf, wenn es etwas Unbekanntes, etwas Geheimnisvolles zu entdecken gibt. Eine Einladung, Neues zu erkunden. Das Problem ist aber, du kennst dich selber nicht. Wie kannst du da deine Frau erkennen? Das ist nicht möglich. Fange bei dir selber an. Und das ist das Schöne: wenn du dich eines Tages selbst erkennst, dann erkennst du alles. Du erkennst nicht nur deine Frau, du erkennst die ganze Existenz. Nicht nur den Mann, sondern auch die Bäume und die Vögel die Tiere und die Felsen, die Flüsse und die Berge. Du erkennst alles, weil alles in dir enthalten ist. Du bist ein Universum im kleinen.

Ein weiteres Schönes, eine weitere unglaubliche Erfahrung: sobald du dich selbst erkennst, ist das Mysterium nicht vorbei. Im Gegenteil, das Mysterium überwältigt dich zum ersten Mal. Du hast erkannt und dennoch erkennst du, wieviel mehr es noch zu erkennen gibt. Du hast erkannt und dennoch erkennst du, daß deine Erkenntnis nichts ist. Du hast erkannt und dennoch liegt die Grenze des Erkennens in weiter Ferne. Du bist soeben erst in den Ozean des Erkennens eingetaucht. Du wirst das andere Ufer nie erreichen, denn der Grenzen des Ozeans liegen in der Unendlichkeit.

In diesem Moment ist die ganze Existenz geheimnisvoll, deine Frau, dein Kind, dein Mann, dein Freund. Das, was du erkannt hast, kann die Magie, die Poesie des Lebens nicht zerstören, sondern diese Erkenntnis vertieft die Poesie, die Magie, das Wunder, das Mysterium.

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