Es gibt keinen Unterschied zwischen Sünde und Heiligkeit

Der Geist, der Intellekt,
mitsamt seinem gestalteten Inhalt, sind Es (Gott).
Ebenso die Welt und alles,
was sich davon scheinbar unterscheidet.
Alle spürbaren Dinge, mitsamt dem, der wahrnimmt,
ebenfalls Stumpfheit, Ablehnung,
Wunsch und Erleuchtung (sind Es).


Wenn du einen Zustand der Stille erreichst, indem der Beobachter und das Beobachtete verschwunden sind, dann wirst du verstehen, was dieses Sutra (Gedicht) bedeutet: Der Geist, der Intellekt, mitsamt seinem gestalteten Inhalt sind Es. Die Existenz ist eins. Alles ist eine Einheit. Es gibt keine Dualität in der Existenz, sie ist eins, sie ist ein Ozean.

Alle Trennungen existieren nur deshalb, weil wir innerlich gespalten sind. Unsere innere Zerissenheit wird nach außen projiziert und alles scheint voneinander getrennt zu sein. Wenn der Körper rein, die Sinne offen und der Verstand still ist, dann verschwinden die inneren Trennungen, in uns ist reine Leere (Göttlichkeit, Seligkeit). Wenn in dir reine Leere ist, kannst du erkennen, daß außen dieselbe reine Leere existiert. Der Himmel ist innen wie außen derselbe. Tatsächlich gibt es gar kein „außen“ und kein „innen“ mehr, alles ist eins.

Der Geist, der Intellekt, mitsamt seinem
gestalteten Inhalt sind Es.

Jetzt erkennst du, daß selbst Gedanken keine Feinde waren, selbst Wünsche keine Feinde waren. Auch sie sind Formen derselben Göttlichkeit, derselben einen Existenz. Jetzt erkennst du, daß Nirvana und Samsara (Nirvana: Erlösung vom Leid (Erleuchtung), Samsara: der Kreislauf der Wiedergeburten) nicht zweierlei sind.

Du lachst und lachst, bis dir die Tränen kommen: darüber, daß es keinen Unterschied zwischen Knechtschaft und Erleuchtung gibt, darüber, daß Wissen und Nichtwissen das gleiche ist, darüber, daß zwischen Buddha und einem Menschen, der noch nicht erleuchtet ist, kein Unterschied besteht, denn da läßt sich nichts unterscheiden. [1]
[1] Diese Aussage halte ih für Unsinn. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen einem Buddha, der in Seligkeit schwelgt, und einem normalen Menschen, der auf tausenderlei Art und Weise leidet. Der Unterschied liegt in der Physiologie. Die Physiologie ist dafür verantwortlich, ob wir glücklich oder traurig sind, ob wir durch körpereigene Drogen in einen Zustand der Seligkeit versetzt werden, oder ob wir in Depressionen verfallen. Das dürfte doch wohl jedem Menschen klar sein.

Wir selber sind in der Regel dafür verantwortlich, ob wir glücklich oder traurig sind. Die meisten Menschen entscheiden sich aus Gleichgültigkeit, Unachtsamkeit oder Unwissenheit für die Traurigkeit. Sie leiden unter  psychosomatischen Erkrankungen, für die sie meist ganz allein verantwortlich sind. Vom Konzept der Wiedergeburten halte ich gar nichts. Es gibt nur ein Glück und zwar im Hier und Jetzt. Alles andere ist Wunschdenken.

Es nützt mir gar nichts, wenn jemand mir erzählt, alle Dinge seien Eins, seien göttlich. Was allein zählt, ist die Tatsache, wie ich sie empfinde, wie ich mich fühle. Und wenn ich leide, soll mir bitte niemand erzählen, dies sei göttlich. Nein, unter Göttlichkeit stelle ich mir etwas anderes vor, denn Göttlichkeit, Seligkeit, Freude, kann man fühlen, empfinden. Wenn jemand behauptet, alles sei göttlich, dann ist das genau so falsch, wie wenn jemand behauptet, alles sei teuflisch.
Alle spürbaren Dinge mitsamt dem,
der wahrnimmt,
ebenfalls Stumpfheit, Ablehnung,
Wunsch und Erleuchtung (sind Es).

Alles ist Es. Das ist Es! Diese Totalität ist das, was Tantra Es nennt. Nun sagte Saraha (indischer Tantrameister) zum König: Sorge dich nicht. Ob im Palast oder auf der Verbrennungsstätte, ob du nun als gelehrter Brahmane (Priester) oder als verückter Hund bekannt bist, macht überhaupt keinen Unterschied. Es ist Es. Auch ich bin zu dieser unmittelbaren Erfahrung gelangt, daß der Wahrnehmende und das Wahrgenommene eins sind, daß der Beobachter und das Beobachtete eins sind. Ich bin angekommen. [2]
[2] Wenn der Wahrnehmende und das Wahrgenommene eins sind, wenn also der Mensch und seine Gefühle miteinander in Harmonie sind, wenn da kein Leid mehr ist, welches diese Harmonie zerstört, dann ist man angekommen, dann verschmilzt man mit dem Es, mit dem Göttlichen. Aber nicht eher.
Jetzt kann ich sehen, daß die Unterscheidungen von Gut und Schlecht, Sünder und Heiliger, bedeutungslos sind. Es gibt keinen Unterschied zwischen Sünde und Heiligkeit. Deshalb nenne ich Tantra die großartigste und rebellischte Haltung in der gesamten Geschichte des menschlichen Bewußtseins. [3]
[3] Solche Sätze, wie "Es gibt keinen Unterschied zwischen Sünde und Heiligkeit" sind für mich Geschwurbel. Sie suggerieren dem Menschen, sie seien bereits am Ziel. Sie halten die Menschen davon ab, sich mit den Ursachen ihres Leid's zu beschäftigen. Sie halten sie in ihrem Leid gefangen und treiben sie in alle möglichen Abhängigkeiten (Drogen, Tabletten, Alkohol, Sexsucht, Kaufsucht, Spielsucht, usw.).
Saraha sagt: Sir, für dich gibt es Trennungen. Dies ist eine Verbrennungsstätte, und wo du lebst ist der Palast. Für mich gibt es keine Unterscheidungen. Auf dieser Verbrennungsstätte standen in der Vergangenheit viele Paläste, die nun verschwunden sind und dein Palast wird früher oder später zu einer Verbrennungsstätte werden. Sei unbesorgt, es ist nur eine Frage der Zeit. Aber wenn du sehen kannst, dann gibt es keinen Unterschied. Es ist dieselbe Wirklichkeit, die irgendwo zum Heiligen wird, irgendwo anders zum Sünder, es ist dasselbe Es. [4]
[4] Es ist ein riesiger Unterschied, ob man Heiliger oder Sünder ist. Es ist der Unterschied zwischen Leid und Seligkeit. Und man wird nicht von Selber zum Heiligen. Dafür muß man schon einiges tun. Aber es lohnt sich, diesen Weg zu beschreiten. Es ist das einzig Sinnvolle, welches man im Leben tun sollte. Alles andere ergibt sich dann von selbst, durch göttliche (?) Fügung.
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