Fragen an Osho: Was für eine Altagsroutine oder Disziplin hat dein Sannyasin?
Du willst wissen, wie die Altagsroutine meines Sannyasins aussieht. Die
Frage stammt nicht von meinem Sannyasin. Wie könnte irgendwer mein Sannyasin
sein? Er oder sie wird einfach nur ein Sannyasin sein. Und wie sieht seine
Altagsroutine oder sein Tagesablauf oder seine Disziplin aus? Würden wir einem
Sannyasin eine rigide Altagsroutine aufzwingen, würde sie ihm zwangsläufig
schaden, statt ihm gutzutun. Jemand fragte einen Zen-Weisen: „Wie sieht deine
Altagsroutine aus?”
Der Weise erwiderte: „Wenn ich müde bin, schlafe ich, wenn ich aufwache, bin
ich wach. Wenn ich hungrig bin, esse ich, und wenn ich nicht hungrig bin, esse
ich nicht.“ Und recht hat er! Ein Sannyasin ist jemand, der sich nichts
aufzwingt, der das Leben so nimmt, wie es ist, und ganz natürlich und spontan
von Moment zu Moment lebt. Wir sind seltsame Leute: Wenn wir schlafen möchten,
sträuben wir uns dagegen, und wenn wir nicht schlafen können, singen wir Mantras
oder versuchen sonst irgendwie einzuschlafen. Wir essen, ohne Hunger zu haben,
nur weil sich unsere Essenszeiten nach der Uhr zu richten haben. Auf die Art und
Weise machen wir die innere Harmonie unseres Körpers kaputt. Und darum sind wir
in einem sochen Schlamassel.
Ein Sannyasin lebt gemäß der Weisheit seines Körpers. Er geht ins Bett, wenn
er müde ist, und wacht auf, wenn er ausgeschlafen hat. Er wird nicht zu dem
Zeitpunkt aufwachen, den die Hindus brahmamuhurta, die Stunde Gottes nennen,
eine Stunde vor Sonnenaufgang. Wann immer er die Augen aufschlägt, findet sein
Brahmamuhurta statt. Er wird sagen, wenn Gott mich aufweckt, nenne ich das mein
Brahmamuhurta.
Kurz, er lebt natürlich, ungezwungen, spontan.
Das ist der Grund, warum ich euch keine Routine, keine Lebensdisziplin
vorschreibe. Würde ich es nämlich tun, brächte ich euch nur in Schwierigkeiten,
ich würde alles so festlegen, wie es mir in den Kram passt, und mein Leben ist
halt nicht euer Leben. Mag sein, dass es mich selig macht, jeden Morgen um drei
aufzuwachen, aber wenn ich das auch von euch verlange, richte ich damit eure
Gesundheit zugrunde.
Jeder hat seine eigene, unverwechsebare Körperlichkeit, auch wenn wir uns
dessen nicht bewusst sind. Es heißt, moderne Frauen seien sehr faul, und weil
sie zu lange schliefen, müssten ihnen ihre Männer den Morgentee machen. Aber so
sollte es auch sein! Der innere Organismus der Frau ist dergestalt, dass ihre
Körperuhr verglichen mit der des Mannes zwei Stunden nachgeht. Wenn ein Mann um
fünf Uhr früh aufsteht, sollte eine Frau erst um sieben Uhr aufstehen.
Man hat in dieser Hinsicht viel geforscht – mit überraschenden Ergebnissen.
Offenbar sinkt unsere Körpertemperatur alle vierundzwanzig Stunden zwei Stunden
lang, und zwar gewöhnlich vor der Morgendämmerung. Vieleicht habt ihr ja schon
bemerkt, dass ihr ungefähr gegen vier Uhr morgens meist etwas fröstelt. Das
liegt daran, dass eure Körpertemperatur sinkt und nicht etwa an einem
Wetterumschlag. Und wann genau die Körpertemperatur sinkt, ist von Person zu
Person verschieden. Wenn das bei mir zwischen drei und fünf der Fall ist, mag es
bei jemand anders zwischen fünf und sieben so sein. Und genau in diesen zwei
Stunden niedriger Körpertemperatur versinkt man jeden Tag im Tiefschlaf.
In Amerika hat man während der letzten fünf Jahre den Schlaf von zehntausend
Menschen genau untersucht, und es hat sich herausgestellt, dass diese Phase des
Tiefschlafs bei jedem anders ist. Man kann also nicht kolektiv festlegen, wann
alle zu Bett gehen und wieder aufstehen sollen. So muss also jeder selbst
herausfinden, zu wechen Zeiten er am besten schlafen und sich ausruhen kann. Das
Entscheidende ist, so gut zu schlafen, dass man den ganzen nächsten Tag wieder
frisch und munter verbringen kann.
Selbst also die Dauer des eigenen Schlafs muss jeder selbst entscheiden. Wenn
für den einen fünf Stunden Schlaf reichen mögen, braucht ein anderer vieleicht
sieben Stunden Schlaf täglich. Und es gibt sogar welche, die unbeschadet mit
drei Stunden Schlaf auskommen. Aber wer schon mit drei Stunden auskommt, kann
sich für andere als gefährlich entpuppen. Er wird sich für besonders fromm
halten und alle, die länger schlafen als er, als Faupelze und Nichtsnutze
beschimpfen. Er wird ihnen predigen, dass man am besten um drei Uhr aufsteht,
und wird alle, die sich nicht an diese Vorschrift halten, in die Hölle schicken.
Hütet euch vor sochen Leuten!
Für dergleichen Dinge kann es keine unerschütterlichen Regeln für alle geben.
Wir dürfen nicht festlegen, wie jeder sich anzuziehen hat, was er zu essen hat
und von wann bis wann er zu schlafen hat. Man kann sich zwar ganz algemein
darüber unterhalten, aber feste Regeln aufzustellen, das wäre unangemessen.
Jeder muss sein Leben selber auf die Reihe kriegen, da hat ihm niemand
dreinzureden. Und so viel Freiheit müsst ihr haben, dass ihr selber darüber
entscheidet, wie ihr leben wollt. Andere mögen es nicht so halten, doch ein
Sannyasin sollte es. Er sollte auf seiner Freiheit bestehen so zu sein, wie er
ist, und so zu leben, dass es ihn froh und glücklich macht. Dabei muss er aber
auch darauf achten, nicht so zu leben, dass er die Freiheit und das Glück
anderer beeinträchtigt. Und dies genügt schon.
Ich wiederhole: Wir können uns gern ganz algemein darüber unterhalten, ob ein
Sannyasin eine Altagsroutine und eine Disziplin braucht, aber hierzu strikte
Regeln festlegen können wir nicht. Nehmt z.B. einen Zwangsraucher: Er hat die
ganze Welt gegen sich, und doch raucht er weiter. Die Ärzte halten ihm vor, dass
das Rauchen seine Gesundheit ruinieren wird, er aber sagt, er wisse das, aber er
könne es nicht lassen.
Was ist mit ihm los? Fehlt ihm etwa etwas, das er
unbedingt braucht und als Raucher bekommt? Eine mexikanische Feldstudie zum
Thema Rauchen ergab seltsamerweise, dass Rauchsüchtige unter Nikotinmangel
leiden, den sie durch Tabak, Tee und Kaffee beheben wollen. Dabei wird das
Rauchen als etwas Unmoralisches verdammt. Aber was soll daran unmoralisch sein,
Rauch ein– und auszuatmen?
Das ist zwar sinnlos, aber doch nicht unmoralisch! Er schädigt damit
doch lediglich sich selber. Rauchen ist eine unschudige Dummheit und weiter
nichts. Vieleicht braucht er das; vieleicht fehlt ihm etwas, das er durchs
Rauchen befriedigt. Dann sollte er besser herausfinden und erkennen, was sein
Problem ist. Unsere Kenntnis des menschlichen Körpers ist sehr beschränkt. Sie
ist trotz aller wissenschaftlichen Fortschritte in der Medizin beschränkt. Wir
haben den Körper mit seinen Bedürfnissen und Problemen längst noch nicht
gründlich verstanden.
Und weil das so ist, muss der Körper mit seinen Problemen selber
fertigwerden. Wenn ihm Nikotin fehlt, fängt man an zu rauchen. Und wenn man erst
einmal anfängt zu rauchen, ist man hilflos den Klauen der Gewohnheit
ausgeliefert. Die meisten rauchen ja nicht aufgrund von Nikotinmangel, viemehr
verfallen neun von zehn Betroffenen dem Rauchen aufgrund von Nachahmung. Und
kaum rauchen sie automatisch, werden sie zu Sklaven einer Gewohnheit.
Jedenfalls darf keine Routine, keine Disziplin von außen aufgezwungen werden.
Sannyasins einen algemeinen Verhaltens-Code vorzuschreiben, also wann sie
aufzustehen und wann sie zu essen haben, ist weder möglich noch wünschenswert.
Freilich kann man ein paar algemeine Empfehlungen aussprechen. Das Wesentliche
aber ist, dass ein Sannyasin alles, was er tut, mit Bewusstheit tut, dass er bei
all seinem Tun und Lassen sein eigenes Wohl und das Wohl anderer im Auge behält.
Und was immer er auch tut – richtig ist es dann, wenn es seine Gesundheit,
seinen Frieden und sein Glück fördert. Und wenn es andererseits seiner
Gesundheit und seinem Glück schadet, sollte er die Finger davon lassen.
Was das Essen betrifft, sollte er auf eine frische, leichte und gesunde Kost
achten; er sollte beim Essen unnötige Gewalt vermeiden; er sollte nichts essen,
was durch die Schlachtung oder Verstümmelung von Lebewesen hergestellt wird.
Kurz, Gesundheit sollte bei der Auswahl der Lebensmittel den Ausschlag geben.
Noch etwas Wichtiges bezüglich Ernährung: Man muss lernen, einen Sinn dafür zu
entwickeln, wie das Essen schmeckt. Und da kommt es mehr auf die Kunst zu essen
an als auf die Speise selbst. Auf der Grundlage dieser ungefähren Hinweise zur
Ernährung sollte man sich sein Menü je nach eigenem Geschmack entwerfen.
Andere können dir keine Disziplin vorschreiben, das ist einfach absurd.
Tatsächlich ist jeder der Baumeister seines eigenen Schicksals. Wer sich in
Sannyas einweihen lässt, erklärt damit, dass er selber über sein Leben zu
entscheiden wünscht, dass er das Recht hat, selber das Steuer in die Hand zu
nehmen. Man mag einwenden, dass ein Sannyasin Gefahr laufe sich zu irren, wenn
er seine eigenen Entscheidungen trifft.
Soll er sich irren … er wird für seine Fehler büßen. Aber was geht dich das
an? Wenn er alles richtig macht, wird er froh sein, und wenn er alles falsch
macht, wird er leiden. Es gehört sich nicht, in das, was andere tun und warum
sie es tun, seine Nase zu stecken. Ja, es ist geradezu unmoralisch, sich in das
Leben eines anderen einzumischen. Was fällt dir ein, dich ihm in den Weg zu
stellen? Man darf sich einem anderen nur dann in den Weg stellen, wenn seine
Fehler anfangen anderen zu schaden; andernfalls muss man ihn in Ruhe lassen. Mag
er Fehler machen, und aus seinen Fehlern lernen!
Auf das Bewusstsein kommt es an
Meditation ist Medizin
Strahlen der Konzentration und Meditation (1)
Strahlen der Konzentration und Meditation (2)
Es gibt keinen Unterschied zwischen Sünde und Heiligkeit

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen