Auf das Bewusstsein kommt es an

Fragen an Osho: Wenn ich im Westen arbeite, komme ich mir wie ein Krieger in Orange vor, und das gefällt mir. Wenn ich hier bin, werde ich meditativ, und das gefällt mir. Das wirft die Frage auf, ob der Teil von mir, der das Kämpfen noch nötig hat, mich daran hindert, ein guter Sannyasin zu werden?

Ein Sannyasin darf sich nicht festlegen, er muss beweglich und immer in Fluss bleiben. Er darf nicht starr wie ein Stein sein. Er muss wie fließendes Wasser sein, das sich jeder Form anpassen kann. Er geht immer nur auf das ein, was der Augenblick erfordert; er richtet sich nach keinem festen Schema, nach keiner a priori Vorstellung, wie ein Sannyasin zu sein habe. In meiner Vision von Sannyas kommt dergleichen nicht vor!!!!!!!

Fragt mich bitte nie, was einen Sannyasin ausmacht, denn sonst macht ihr ein Muster daraus, nach dem ihr euch richtet. Und alles Tun, das auf ein musterhaftes Leben zurückgeht, ist verkehrt. Man muss immer locker und entspannt bleiben, um auf die jeweilige Situation eingehen zu können. Und die Situation ändert sich ständig: Im Westen ist es so, hier ist es anders.

Wenn du also ein Krieger sein musst, sei ein Krieger; und wenn du meditativ sein musst, sei meditativ. Wenn du extrovertiert sein musst, sei extrovertiert; und wenn du introvertiert sein musst, sei introvertiert. Diese Geschmeidigkeit ist Sannyas. Wenn du dich festlegst, bist du nicht mehr lebendig, sondern besessen. Dann bist du entweder extro– oder introvertiert, weltlich oder unweltlich, aber dann bist du nicht mehr mein Sannyasin.

Mein Sannyasin lässt sich nicht beschreiben, ist so unbeschreiblich wie Gott selbst, wie das Leben selbst, wie die Liebe selbst, so unbeschreiblich wie die Existenz selber. Ein Sannyasin ist total mit dem Augenblick in Einklang, lässt sich vom Fluss tragen. Er schwimmt nicht gegen den Strom, er hat keine Vorstellung davon, wie alles zu sein habe. Er hat kein „sollte“; will von Geboten, die erfüllt, befolgt werden müssen, nichts wissen.

Dies nenne ich wahre Disziplin: eine Disziplin, die zur Freiheit führt, die befreit.

Osho, warum gibst du deinen Schülern keine Vorschriften, wie sie sich zu verhalten haben? Ist für ein spirituelles Leben nicht ein moralischer Charakter erforderlich?

Mir geht es einzig und allein darum euch ein Bewusstsein zu geben, keinen Charakter. Auf das Bewusstsein kommt es an, ein Charakter ist immer nur Bluff. Einen Charakter brauchen nur die, die kein Bewusstsein haben. Wer Augen hat, braucht keinen Spazierstock, um sich zurechtzufinden, um sich durchzutasten. Wer sehen kann, braucht nicht zu fragen: „Wo ist die Tür?“ Die Leute benötigen einen Charakter, weil sie unbewusst sind. Ein Charakter ist nur ein Schmiermittel: er hilft dir, aalglatt durchs Leben zu kommen..

George Gurdjieff hat immer gesagt: Ein Charakter ähnelt den Puffern an der Eisenbahn. Zwischen zwei Waggons befinden sich Puffer. Wenn etwas passiert, werden sie so nicht ineinander geschoben. Die Puffer mildern Zusammenstöße, bzw. sind wie Federn: Autos werden gefedert, damit man bequem fahren kann, sogar auf indischen Straßen! Diese Federungen fangen die Stöße auf, daher nennt man sie auch Stoßdämpfer.

Genau das ist ein Charakter, ein Stoßdämpfer. Den Leuten wird eingetrichtert demütig zu sein. Wer lernt, sich demütig zu geben, hat damit einen Stoßdämpfer. Wer sich der Demut befleißigt, kann sich vor den Egos der anderen schützen: Ein demütiger Mann wird schonender behandelt. Wer egoistisch ist, wird immer wieder verletzt werden. Das Ego ist hochempfindlich, also legt man ihm ein Mäntelchen der Demut um. Das hilft, das verleiht dir eine gewisse Glätte, aber es transformiert dich nicht.

Meine Arbeit besteht aus Transformation. Dies ist eine alchemistische Schule: Ich möchte eure Unbewusstheit in Bewusstheit umwandeln, Licht in die Finsternis bringen. Ich kann euch keinen Charakter verpassen. Ich kann euch nur Erkenntnis, Bewusstheit vermitteln. Ich möchte euch beibringen, von Augenblick zu Augenblick zu leben, nicht nach einem vorgegebenen Muster, egal ob es von mir oder der Gesellschaft oder Kirche oder Staat vorgegeben ist. Ich möchte, dass ihr euch von eurem eigenen kleinen Bewusstseinslicht leiten lasst, je nach euren eigenen Möglichkeiten. Geht auf jeden einzelnen Augenblick ein.

Wer Charakter hat, besitzt für jede Lebensfrage eine vorgefertigte Antwort, also braucht er je nach Situation nur die passende Antwort von seiner Festplatte abzurufen. Da sie vorgefertigt ist, bleibt sie ohne eigenen Input, geht also nicht auf die Situation ein, sondern ist nur eine Reaktion. Wer Charakter hat, reagiert, wer Bewusstsein hat, antwortet: Er erfasst die Situation, macht sich klar, was wirklich los ist, und aus dieser Reflexion heraus handelt er. Wer Charakter hat, reagiert, wer Bewusstsein hat, agiert. Wer Charakter hat, ist automatisch, er funktioniert roboterhaft, er hat einen Computer voller Informationen im Kopf: Egal was du fragst, sein Computer spuckt die vorgefertigte Antwort aus.

Wer Bewusstsein hat, handelt nur aus dem Augenblick heraus, weder aus der Vergangenheit noch aus dem Gedächtnis. Sein Antworten hat etwas Schönes, etwas Natürliches und es entspricht wahrheitsgemäß der Situation. Wer aus seinem Charakter heraus handelt, liegt falsch, denn das Leben verändert sich ständig, es ist niemals wie zuvor. Eure Antworten aber sind vorfabriziert, immer gleich, wachsen nie mit, wie denn auch: Sie sind tot.

Man hat dir als Kind etwas eingeschärft; es ist immer noch da. Du bist zwar gewachsen, das Leben hat sich verändert, aber die Antwort, die dir deine Eltern oder Lehrer oder Priester eingeschärft haben, ist immer noch da. Und wenn etwas passiert, greifst du auf diese fünfzig Jahre alte Antwort zurück. Und in fünfzig Jahren ist so viel Wasser den Ganges hinunter geflossen … das Leben hat sich völlig verändert!

Heraklit sagt: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“ Ich aber sage euch: Man kann noch nicht mal einmal in denselben Fluss steigen, dafür fließt er zu schnell.

Charakter ist ein stehendes Gewässer: Er ist ein verschmutzter Teich. Bewusstsein ist ein Fluss.

Darum schreibe ich meinen Leuten keinerlei Verhaltens-Code vor. Ich verhelfe ihnen zu Augen, die sehen können, einem Bewusstsein wie ein Spiegel, der nicht trügt, einem Wesen, das auf jede sich ergebende Situation einzugehen vermag. Ich gebe ihnen keine detaillierten Anweisungen, was sie zu tun und zu lassen haben. Sie bekommen von mir keine Zehn Gebote, und wenn man erst damit anfängt, ihnen Gebote zu geben, sind zehn nicht annähernd genug, denn dafür ist das Leben viel zu kompliziert.

Im buddhistischen Schrifttum finden sich dreiunddreißigtausend Regeln für einen buddhistischen Mönch. 33.000 Regeln! Da wird für jede auch nur erdenkliche Situation eine vorgefertigte Antwort geliefert. Aber wie soll man sich 33.000 Verhaltensregeln merken? Wer schlau genug ist, sich 33.000 Verhaltensregeln zu merken, wird auch schlau genug sein, dafür immer ein Schlupfloch zu finden: Wenn er keine Lust hat, etwas Bestimmtes zu tun, wird er einen Ausweg finden. Wenn er etwas ganz Bestimmtes tun möchte, wird er einen Ausweg finden.

Ich habe von einem christlichen Heiligen gehört … Jemand schlug ihm ins Gesicht, weil er am selben Tag in seiner Morgenpredigt Jesus mit den Worten zitiert hatte: „Wenn jemand dir eine Backpfeife gibt, dann halte ihm auch die andere Wange hin.“ Und ein Mann wollte das mal ausprobieren. Also schlug er ihn, gab ihm wirklich hart eins auf die Wange. Und der Heilige war echt und stand zu seinem Wort … tatsächlich hielt er auch seine andere Wange hin.

Aber der Mann nutzte die Gelegenheit und gab ihm eine noch saftigere Ohrfeige auf die andere Wange. Da wurde er überrascht: Der Heilige sprang ihm an die Gurgel und verprügelte ihn nach Strich und Faden. Erschrocken rief der Mann: „Was soll das? Du bist doch ein Heiliger, und noch heute Morgen hast du gesagt: Wenn jemand dir eine Backpfeife gibt, reiche ihm auch die andere Wange hin.„

Dieser erwiderte: „Ja, aber ich habe keine dritte Wange. Und darüber sagt Jesus nichts, Jetzt bin ich frei, jetzt kann ich machen, was ich will. Jesus hat hierfür jedenfalls keine weiteren Anweisungen gegeben.„

Dasselbe ist auch Jesus schon zu Lebenszeiten passiert. Einmal ermahnte er einen Jünger: „Verzeih sieben Mal.“ Der Jünger sagte: „Okay,“ doch auf eine Art, dass Jesus Verdacht schöpfte und sagte: „Nein, besser siebenundsiebzig Mal!„

Der Jünger war etwas verstört, doch er sagte: „Okay, schließlich kann man nach siebenundsiebzig noch weiterzählen: Was ist mit achtundsiebzig? Dann bin ich frei, dann kann ich tun, was ich will!“

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